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Viele der derzeit in Deutschland ankommenden Flüchtlinge, fliehen vor Krieg und Gewalt in ihren Ländern. Kleine Kinder, Frauen und Schwache sind Bilder die die Runde machen, bewegen. Meist viele Monate, wenn nicht sogar Jahre unterwegs, auf der Suche nach Ruhe und etwas Frieden.

Dabei wird oft vergessen, dass ein großer Teil flüchtender Menschen nicht aus den Ländern des Nahen Osten oder Regionen in Afrika kommen, sondern aus der unmittelbaren Nachbarschaft. Hier herrscht kein Krieg, keine Bomben die jeden Tag und jede Nacht das Leben gefährden und keine Gruppen, die jederzeit ganze Familien und Dörfer auslöschen können.

Korruption und Misswirtschaft, Perspektivlosigkeit und extreme Armut gefährden das Leben vieler Menschen ebenso. Nur unsichtbar. Korruption ist nicht zu sehen, nicht zu fühlen und zu riechen. Nur vielleicht zu hören. Wir sind auf dem Markt, ein Platz wo wir viele Menschen treffen, wir als Fremde sofort wahrgenommen werden, eine kleine Sensation, nur wenige Touristen schaffen es hierher. „No money!“ wird uns zugeraunt, nicht als Aufforderung, etwas zu geben, eine Feststellung, der Beginn eines kleines Gespräch über die allgegenwärtige Armut in Kosovo.

Interessante Gespräche zwischen Säcken von Paprika.
Interessante Gespräche zwischen Säcken von Paprika.

In Pristina, der Hauptstadt, fällt es sofort auf. Die Bevölkerung ist jung. Extrem jung. Die jüngste in ganz Europa. Doch es ist keine pulsierende Studentenstadt, wie es zu erwarten wäre, mehr als 35 Prozent der Bevölkerung zwischen 15 und 24 haben keinerlei Schuldbildung oder Ausbildung erhalten, die Arbeitslosigkeit in der Altersgruppe liegt bei fast 70 Prozent. Klar, am Abend im coolen Lokal das auch in Berlin oder Tel Aviv stehen könnte feiern die Jungen, die die es geschafft haben (oder deren Eltern die nötigen Zahlungen leisten können). Doch auch hier trifft Arm auf Reich: Die leckeren gesalzenen Erdnüsse, verkauft von jungen Menschen in zerrissenen Hosen und diesem hastigen Blick, der schauen muss, wie er seine nächste Mahlzeit verdienen kann. Das 2€ Bier wird etwas schal im Mund. Knapp ein Drittel der Menschen muss mit deutlich weniger am Tag auskommen, als es kostet. Zum Vergleich: Eine Tasse Tee kosten einen Euro. Das sind viel, wenn sonst nicht mehr übrig bleibt.

Straßenszene
Straßenszene

Kosovo, das sind Bomben, das ist irgendwie der „wilde Osten“, vergessen. Eine Kindheitserinnerung, keine Gute. Und heute? Erstmal viel weniger Polizei und Militär als erwartet. Dann: Schlechte Straßen, Leuchtreklame überall, alle zwei Kilometer eine Tankstelle, warum auch immer. Die Luft ist kalt und rauchig, am nächsten Tag sehen wir, überall wird Holz gehackt. Stromkabel, wild in alle Richtungen, hängen über den Straßen. Der Campus der Universität zerfällt, die Bibliothek ein Gebäude von kaum beschreibbarer Hässlichkeit. Ein paar wenige Ecken, dort wird etwas ausgebessert.

Die Bibliothek der Universität Pristina.
Die Bibliothek der Universität Pristina.

Weiter geht es übers Land. Denn, was ist mit denen, die draußen bleiben müssen? Roma, Aschkali und Ägypter die aufgrund ihrer Zugehörigkeit keine Arbeit bekommen? Die Arbeitslosigkeit bei diesen Bevölkerungsgruppen liegt bei 90-100 Prozent. Sozial in vielerlei Hinsicht diskriminiert, Arbeitssuche, beim Arzt, Schulbesuch oder Behördengängen. Sie bleiben für uns unsichtbar, zumindest für die kurze Zeit. (Zum Weiterlesen: Ein Reisebericht der Sicht mit der Situation der dortigen Bevölkerung befasst)

Doch was wir sehen, ist schon viel. Kaputte Straßen, viele leerstehende Gebäude, riesige Einrichtungshäuser – nur wenig Einrichtung. Verrostete und kaputte Autos überall. Straßen ohne Straßenbelag. Kultur, öffentliche Plätze, Fehlanzeige. Hier leben wollen? Können?

Immer wieder die albanische Fahne. Ob im Laden oder der Hochzeitsparade, sie ist allgegenwärtig. Ebenso wie das Zeichen der albanischen paramilitärischen UÇK. Statuen, Helden mit Maschinengewehren, oder Friedhöfe Gefallener prägen die Landschaft. Eine Gruppierung, die während des Krieges in zahlreiche kriminelle Handlungen verwickelt war, verantwortlich für die Diskriminierung ethnischer Minderheiten, Erpressung, Vergewaltigung, Entführungen, Ermordungen.

kosovo-45

Kosovo hat in den letzten Jahren viele Hilfen aus der Europäischen Union und anderen Staaten erhalten. Noch immer helfen internationale Friedenstruppen und zivile Mission der Europäischen Union im Kosovo beim Aufbau stabiler staatlicher Strukturen. Bisher mit nur mäßigem Erfolg. Korruption und Familienclans beherrschen das politische Leben, auch internationale Kontingente sind von Missständen nicht ausgenommen. Solange die Bundeswehr hier noch stationiert ist, ist es zusammen mit den anderen gesammelten Eindrücken kaum vorstellbar, Kosovo als ein sicheres Herkunftsland zu deklarieren.

 

Reisen auf dem Land.
Reisen auf dem Land.