Menu
menu

Der ESV Neuaubing hat die erste Flüchtlingsmannschaft Bayerns gegründet. Porträt eines Fußballvereins mit außergewöhnlichen Trainern.

Durch die geöffneten Türen der Sporthalle dringt lautes Rufen und Quietschen von Hallenschuhen auf Hallenboden, immer wieder ein dumpfes Geräusch. Der typische Geruch einer Mehrzweckhalle. Einige Spieler sitzen gegen die Wand gelehnt und schauen dem Rest beim Spielen zu. Es herrscht konzentrierte Stimmung. Die Herren-Fußballmannschaft des ESV Sportfreunde München-Neuaubing hat zum Turnier geladen und mittendrin die beiden Trainer, ohne die hier niemand spielen würde. Schwitzend und beim Tore schießen.
Sommer 2016. Ankommende Flüchtlinge wirbeln die politische Landschaft durcheinander. Es ist der Sommer in dem Olaf Butterbrod und Christian Brey den ESV Neuaubing dazu bringen, als erster Verein in Bayern eine Mannschaft zum regulären Spielbetrieb anzumelden. Eine Mannschaft, die überwiegend aus Flüchtlingen besteht. Eine große Aufgabe für den Verein, aber auch für die beiden Trainer.

Eine Mannschaft aufzustellen, deren Spieler weder Mitgliedsbeiträge zahlen können, noch dass ihr Aufenthaltsstatus geklärt ist, trauen sich nur wenige, sagt Olaf Butterbrod, der Initiator, in der Sporthalle. Als der ESV Neuaubing einmal gegen den SV Türkspor Allach II spielt, wird hinter vorgehaltener Hand gefragt: „Was ist an denen schon anders?“ In beiden Mannschaften spielen doch Migranten. Beide leisten doch so etwas wie Integration. Und beide spielen in der C-Klasse. Ganz unten. Dort wo die zweiten gegen die dritten Mannschaften spielen. Dort, wo die Blutgrätsche noch ihrem Namen alle Ehre macht und Beleidigungen zum Kompliment werden. Zuschauer kommen nur selten vorbei. Dennoch kamen am ersten Spieltag der Saison mehrere Kamerateams, Reporter aus Frankreich, Spanien, Holland, Schweden, Serbien standen dicht gedrängt, um das Team zu sehen.

Aus dem Park auf den Platz

Vor fast fünf Jahren erfüllte sich Butterbrod seinen großen Traum und ist nach Tansania gezogen. Dort war er für die Presse- und Öffentlichkeitsarbeit von NAFGEM zuständig, einer NGO die sich gegen Genitalverstümmelung bei Frauen, Mädchen und Babys einsetzt. Nebenbei spielte er mit Waisenkinder Fußball. Zurück in München hat er diese Arbeit fortgesetzt und versammelt nun schon seit mehreren Jahren Asylbewerber um sich, um mit ihnen zu kicken, meist in einem öffentlichem Park. Die Leute aus den engen Unterkünften holen, ein paar Stunden Abwechslung. Es sind pragmatische Gründe, die ihn dann dazu bewegen den Schritt in den Vereinsfußball zu wagen. „Die Spieler haben Potenzial, warum sich nicht dem Wettbewerb stellen?“

Olaf Butterbrod (l.) und Christian Brey (r.), Trainer des ESV Neuaubings.
Olaf Butterbrod (l.) und Christian Brey (r.)

Mit professionelleren Strukturen, besseren Trainingsplätzen, ein wenig Geld, da kann mehr bewegt werden. Doch so einfach ist es dann doch nicht. Einige Vereine lehnen ab, finanziell zu unsicher, sagen sie, aus Vorurteilen gegen Flüchtlinge, meint Butterbrod. Durch Zufall begegnen sich im Frühjahr Butterbrod und Christian Brey. Brey ist seit Jahrzehnten beim ESV aktiv. Früher, vor seinen Knieproblemen, als Spieler, jetzt als Funktionär. Der Verein am westlichen Stadtrand von München ist durchaus erfolgreich. Mit knapp 4000 Mitgliedern ist er einer der größeren in Bayern, in den zahlreichen Sparten schaffen es die Sportler immer wieder zu nationalen und internationalen Wettbewerben.
Die Fußballabteilung jedoch hat Probleme und bereitet Brey Sorgen. Ehemals in den höheren bayerischen Ligen unterwegs, musste in der Vorsaison die erste Herrenmannschaft vom Spielbetrieb abgemeldet werden. Verletzungen und interne Streitigkeiten haben der Mannschaft zugesetzt und lassen sie auseinanderbrechen.
Klar, es ist ein Wagnis, dass Brey eingeht. Ein Verein lebt von den Mitgliedsbeiträgen seiner Mitglieder, die Mannschaft ist gleichzeitig das Aushängeschild des Vereins. Nur ein Verein mit funktionierender Mannschaft kann auf Sponsoren hoffen, die Bewirtschaftung des Platzes lohnt sich und Geld kann in die Jugendförderung investiert werden. Spieler bei denen der Aufenthaltsstatus nicht gesichert ist, sind ein da ein Risiko. Was, wenn während der Saison keine Mannschaft mehr zusammenkommt, weil niemand mehr da ist? Neue Spieler beim Verband anzumelden kostet Zeit. Bei Nichtantritt kommen auf den Verein finanzielle Strafen zu.

Sponsoren übernehmen Mitgliedsbeiträge

Hier liegt der Unterschied zu den anderen Vereinen in der Liga. Das Risiko, plötzlich einen Teil der Mannschaft zu verlieren ist wesentlich höher und nur wenige Spieler haben die finanziellen Mittel, sich Mitgliedsbeitrag, Fußballschuhe oder Trikots zu leisten. Brey sieht eine neue Chance und ist froh, seine Abteilung wieder aufbauen zu können. Mehr als 30 Asylbewerber interessieren sich für die neue Möglichkeit. Eine Möglichkeit für ein paar Stunden Ablenkung zu bekommen. Sorgen und Ängste vergessen. Mit Freunden Fußball spielen.

Butterbrods und Breys große Stärke liegt darin, andere Menschen schnell zu überzeugen und an die gemeinsame Sache glauben zu lassen. So sorgte eine große Spende dafür, dass für alle Spieler die Mitgliedsbeiträge gezahlt wurden. Durch die große mediale Aufmerksamkeit wurden weitere Sponsoren aktiv und sagten ihre Hilfe zu.

Hauptziel der beiden ist es allerdings nicht, Sponsoren aufzutreiben. Ihnen ist nicht an ihrer öffentlichkeitswirksamen Profilierung gelegen. Auftritte im Sportstudio, der Spezialpreis des Bayerischen Fußball Verbands, alles gemacht und gewonnen – für Butterbrod und Brey aber nebensächlich. „Gemeinsam Fußballspielen ist das Einfachste auf der Welt“, sagt Butterbrod. „Auf dem Platz gibt es keine Unterschiede. Für mich ist meine Arbeit kein einseitiges Angebot, sondern hat mich auch persönlich sehr vorangebracht.“ In der Praxis bedeutet das, dass der Trainer Rechtshilfeverein, Bank und Psychologe in einem ist.

Auch neben dem Platz unterstützen beide

Im Herbst drohte mehreren Spielern die Abschiebung. Zum Beispiel Mohammed Riza Hossini, Spitzname Alireza, aus Afghanistan, Stürmer. Anfang Dezember lebte er fast fünf Jahre in München, er hat eine Freundin und einen festen Job in einem Hotel in der Nähe des Hauptbahnhofes. Doch die Behörden machen Druck, nehmen ihm den Pass weg, wollen ihn abschieben Er will heiraten, was ihm den Aufenthalt ermöglichen würde. Ohne Pass ist aber keine Heirat möglich. Ihm geht es nicht gut, er bekommt wieder Depressionen, verliert seine Arbeit. Er ist doch perfekt integriert, denkt er. Aber teilhaben darf er trotzdem nicht. Unzählige Stunden verbringen die beiden Trainer im Landtag, bei den Behörden, bei ihm zu Hause um die Abschiebung zu verhindern und ihn zu unterstützen. Nur durch den unermüdlichen Einsatz der beiden kann die Abschiebung noch verhindert werden und die Hochzeit stattfinden.

Wenn es sein muss greifen beide auch mal die in eigene Tasche und strecken privates Geld vor. Als ein Spieler auf Briefe der Behörden nicht antwortet, weil er sie nicht lesen kann und Bußgeldbescheide nicht beachtet werden, drohen ihm ernsthafte Konsequenzen. Gemeinsam mit seinen Trainern wird jeder Brief noch einmal gelesen, auf das Kleingedruckte hingewiesen.

Butterbrod (l.) bei seiner Mannschaft während einer Spielpause.
Butterbrod (l.) bei seiner Mannschaft während einer Spielpause.

Die privaten Probleme haben auch Auswirkungen auf die Spiele, nach anfänglicher Euphorie, holt der triste Alltag die Spieler ein. In der Liga häufen sich die Unentschieden, die souveräne Tabellenführung geht verloren. Immer mehr Spielern geht es nicht gut. Als die „Bild“-Zeitung Namen der Spieler veröffentlich und einige irrtümlich als „abgeschoben“ kennzeichnet, droht die Stimmung zu kippen und die Nerven liegen blank. Ein Spieler muss ins Krankenhaus gebracht werden. Es werden lange Gespräche geführt, wieder viel telefoniert. Mit ihrem ruhigen Wesen, ihrem Einsatz und ihrer Unendlichen Geduld schaffen die beiden Trainer es, die Spieler wieder aufzubauen.

Gemeinsam schaut sich die Mannschaft Fußballspiele im Fernsehen an, kegelt oder geht ins Fitnessstudio. An Weihnachten wird gefeiert. Mit Geschenken, afghanischem Tanz, irakischer Musik und einem Christbaum.

Nicht immer läuft alles Rund. Zum Turnier zum Beispiel kam nur der ESV Neuaubing selber. Es gibt etwas Ärger, doch sobald der Ball rollt, sind kleine Unstimmigkeiten wieder vergessen. Und so ist das oft bei dem Trainerpaar: Egal ob mal etwas nicht wie geplant klappt, eine Lösung lässt sich immer finden.

Seit im Sommer Tausende Flüchtlinge am Hauptbahnhof ankamen, kommen immer mehr neue Spieler. Inzwischen ist eine zweite Mannschaft angemeldet und die Jugendabteilung wird wieder aufgebaut.

Christian Brey (4. v.l.) und der ESV Neuaubing unter Beobachtung.
Christian Brey (4. v.l.) und der ESV Neuaubing unter Beobachtung.

Mehr Fotos gibt es hier

Der Artikel wurde zuerst auf medienvielfalt.anders veröffentlicht