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Dieser Text ist zur Begleitung meiner Ausstellung, die ich zusammen mit 24mmjournalism organisiert habe.

Idomeni – dieses Wort stand Anfang des Jahres wie kein anderes für die Dimension, welche die Flüchtlingskrise erreicht hatte. Noch heute steht das Lager bei vielen sinnbildlich für das Chaos, das Elend und die Hoffnungslosigkeit der Refugees während ihrer Flucht ausgesetzt sind.

Ende April machte ich mich auf den Weg, um mir selber ein Bild von der Lage zu machen.

Schon auf dem Weg, gut 30 Kilometer vor der Grenze, waren immer wieder größere Ansammlung von campierenden Refugees am Rande der Autobahn zu sehen. Eine größere Gruppe blockierte diese schließlich auch und brachte den komplette Grenzverkehr zwischen Griechenland und Mazedonien zum Erliegen.

Das größte und bekannteste Lager war direkt an der Grenze neben dem kleinen Ort Idomeni entstanden. Dort campierten Menschen teils im Gleisbett, teils auf Äckern oder lebten in den wenigen, von UNHCR und MSF (Ärzte ohne Grenzen) aufgestellten, Zelten.
Diese größeren Zelte bildeten das „Zentrum“ des Lagers: Hier gab es eine Medizinische Station, hier Lag die Polizeiwache, Waschmöglichkeiten und eine Essensausgabe. In den Zelten selber lebten die Menschen auf den Stockbetten, die in den dichten Reihen dreistöckigen aufgebaut waren. Die Zelte hatten den Vorteil, dass sie einen Holzboden besaßen und so etwas Schutz vor der Kälte boten.

Private Zelte – solche wie wir sie vom Campen kennen – hatten hingegen den Vorteil, ein wenig Privatsphäre zu bieten. Die kleineren Zelte waren über eine mehrere Felder gehende Fläche verteilt. Teilweise wurden mehrere Zelten dicht nebeneinander errichtet und mit weiteren Planen oder anderen Materialen verbunden, sodass je nach Familiengröße eine hausartige Behausung entstand. Gegen Regen war allerdings alle Unterkünfte schlecht gesichert, alle Bewohner*innen des Lagers – von Jung bis Alt – waren dem unbeständigen Wetter direkt ausgeliefert und hatten keine Möglichkeit sich an einem trockenen Ort aufzuhalten.

Obwohl viele Freiwillige damit beschäftigt waren, zu allen Tageszeiten Essen zu verteilen, bildeten sich lange Schlangen. Viele Familien zogen es daher vor, Feuer zu machen und selber zu kochen. Weil Feuerholz spärlich und meistens ebenfalls feucht war, wurde viel Plastik verbrannt. Beißender Rauch lag über dem gesamten Lager, viele Bewohner*innen hatten einen chronischen Husten entwickelt. Ein Eindruck vom letzten Tag ist mir noch besonders in Erinnerung: Mir wurde Kaffee angeboten, das Wasser dazu wurde in einer Plastikflasche übers Feuer gehalten. Heiß war es, wenn die Flasche anfing zu schmelzen. Die Milchkonserve wurde ebenfalls im Feuer erhitzt. Ich musste ablehnen, weil ich generell keinen Kaffee trinke.

Interessant zu beobachten war, dass sich das soziale und geschäftliche Leben zu entwickeln begannen. Essen wurde von örtlichen Bauern verkauft, Zigaretten von Mazedoniern, die über die Grenze kamen, Friseure boten ihre Dienste an, manche Zelte wurden zu Gotteshäusern umfunktioniert. Beliebte Treffpunkte waren die wenigen Stromstationen, an denen hauptsächlich Mobiltelefonen geladen wurden.

In dem Lager, in dem nach unterschiedlichen Schätzungen zwischen 12’000 und 16’000 Menschen lebten, wimmelte es von Kindern. Diese fanden sowohl zwischen den Gleisen, in ein paar dreckigen Tümpeln oder auf den Feldern genügend Platz zum Spielen und sich auszutoben. Zahlreiche Volunteers brachten Bälle mit, stellten Trampolins auf oder tanzten zwischen den Zelten. Vereinzelt wurde auch Unterricht angeboten. Dieser war allerdings nur schwer sinnvoll durchzuführen, es gab keine geregelten Zeiten und viele der Volunteers waren nur unregelmäßig und zu kurz im Lager.

Zwischen vielen Refugees und Volunteers, davon besonders zwischen den gleichaltrigen, bildeten sich Bekanntschaften und Freundschaften. Viele wollten ebenfalls mithelfen und selber aktiv werden. Das war aber schwer möglich, denn die Regierung verbot die Mitnahme von Refugees in privaten und öffentlichen Fahrzeugen, so waren die meisten de facto im Lager eingesperrt und konnten die weiten Strecken zu anderen Lagern nur zu Fuß zurücklegen.

Die Nähe der Grenze und deren Unüberwindbarkeit führte vielen die Aussichtslosigkeit ihrer Lage vor Auge. Manche resignierten und andere protestierten. So kam es des Öfteren zu Ansammlungen und Protestzügen durch das Lager, in der Nähe der Grenze oder auf den Gleisen. Die Gleise stellen die Hauptader des Griechisch-Mazedonischen Güterverkehrs dar. In der Zeit, in der ich in dem Lager gelebt habe, waren die Gleise dauerhaft blockiert. Die Polizei hielt sich weitestgehend zurück und blieb passiv.