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Eine Vorlesung von PD Dr. Magnus Brechtken
Vorlesung vom 06.11.13

Blickt man auf die nationalsozialistische Vergangenheit Münchens, lassen sich gerade an der Ludwig-Maximilians-Universität viele Orte finden, die den Studierenden ein Mahnmal sein können. Ein Mahnmal dafür, dass auch die grausamsten Ideologien nicht vor Orten wie Universitäten Halt machen, dass Widerstand gegen diese geleistet werden muss, aber auch, dass diese Ideologien überwunden werden können. Der Lichthof ist für Ersteres ein Beispiel, für Zweiteres steht ein nicht ganz so bekannter, aber für die bayerische Aufarbeitung der NS-Diktatur ebenso wichtiger Saal. In der Großen Aula der LMU tagte die verfassungsgebende Landesversammlung, welche die Verfassung des Freistaats erarbeitete. Welcher Saal ist also besser geeignet als dieser, um über die Aufarbeitung der NS-Vergangenheit zu lehren und zu lernen?
Die hier vorgestellte Vorlesung wird von Dr. Magnus Brechtken, stellvertretender Direktor des Instituts für Zeitgeschichte, gehalten und führt von einem allgemeinen Überblick über verschiedene Entwicklungen im Umgang mit dem Nazi-Reich bis hin zur exemplarischen Behandlung einiger nationalsozialistischer Führungspersönlichkeiten und deren Bewertung im Wandel der Zeit.

Dr. Brechtken, der seine Habilitations-Schrift über den Madagaskar-Plan verfasste, behandelt schon seit langem die unterschiedlichen Aspekte der nationalsozialistischen Zeit und vermittelt den Studierenden in dieser Vorlesung einen tiefen Einblick in die von ihm selbst und seinen Kollegen erarbeiteten Erkenntnisse, denn nicht nur die Zeit an sich, sondern auch der Umgang mit diesem Erbe lässt Rückschlüsse auf die Gesellschaft und ihre Verfasstheit ziehen.

In der vierten Sitzung behandelte Brechtken die juristische Aufarbeitung mit Schwerpunkt auf den 50er und 60er Jahren. Frei und niemals monoton sprechend, ohne vom Skript abzulesen oder sich von einer PowerPoint Folie zur nächsten zu mühen, schafft er es, den zahlreichen Studierenden die Haltung von Politik und Gesellschaft dieser Zeit vor Augen zu führen. Er lässt Adenauer, Helmut Schmidt und weitere wichtige Zeitzeugen ebenso zu Wort kommen wie führende zeitgenössische Historiker, die ihrerseits versucht haben, ihre Zeit zu charakterisieren. Auf diese Weise lässt er eine Vorstellung von der Einstellung einflussreicher Persönlichkeiten entstehen, um dann Rückschlüsse auf die juristische Perspektive zu ziehen. So forderte der damalige Bundeskanzler, Konrad Adenauer ein „Ende der Nazi-Schnüffelei“ und bezog sich dabei auf die amerikanische Politik der „Ent-Nazifizierung“, mit der gezielt ehemalige NS-Verbrecher und Drahtzieher aus dem Verkehr gezogen werden sollten. Während also die Besatzungsmächte alles dafür taten, Deutschland den Weg in eine demokratische Zukunft zu führen, wehrten sich viele lokale und auch nationale Politiker gegen dieses Vorgehen. Sicherlich, einige von ihnen wären vermutlich selbst betroffen gewesen, doch Brechtken führt ein anderes Argument ein, welches dieses Verhalten erklärt: Die meisten Deutschen hatten in irgendeiner Form mit der Politik des NS-Regimes sympathisiert, sodass es ihnen nach dem Krieg schwer fiel, sich das selbst einzugestehen. Die Menschen leben gedanklich noch im „Reich“, also darf ihnen nicht ihre Vergangenheit vorgehalten werden, wenn man sie in eine demokratische Zukunft mitnehmen will, so Brechtken. Diese stille Übereinkunft nennt 1983 der Historiker Hermann Lübbe „kommunikatives Schweigen“.

Welche Konsequenzen hatte nun dies für die juristische Aufarbeitung? Zwar gab es die großen Prozesse, es gab Gerichtsurteile über ehemalige NS-Verbrecher, aber was ist mit dem Gros der Bevölkerung, den „kleinen“ Leuten? Hier tat sich die Justiz lange Zeit schwer, was auch daran lag, dass zunächst eine zentrale Stelle fehlte, welche die schwierige Arbeit der Identifizierung von NS-Verbrechern koordinieren konnte. Erst die 1958 gegründete „Zentrale Stelle der Landesjustizverwaltungen“ konnte die komplexen Verbrechen sinnvoll zusammenführen und leistete den Landesgerichten wichtige Vorarbeit. Auf diese Arbeit führt Brechtken dann auch die hohe Zahl an Prozessen in den Jahren 1963-65 und vor allem die erhöhte Aufmerksamkeit der Medien und der Öffentlichkeit zurück.
Wie ist die juristische Aufarbeitung aber zu bewerten? Ausschlaggebend für die zähe Aufarbeitung waren die gesellschaftlichen Umstände und die abwehrende Haltung der Zivilbevölkerung. Formal-juristisch schlug sich dies in der Richtlinie des Bundesgerichtshofs nieder, wonach für jeden Schuldigen ein Einzelnachweis erbracht werden musste, was für viele NS-Täter der sichere Freispruch war. Erst 2011, knapp 66 Jahre nach Ende des 2. Weltkrieges, ändert sich diese Interpretation mit dem Fall des Lageraufsehers Jon Demjanjuk.

Diese Änderung aber kommt 66 Jahre zu spät.