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Später, als die Landschaft zu einem einzigen braun-grünen Teppich wird, die Berge wie Sandhügel wirken, da wird es einem schon etwas unheimlich. Diese ganze Strecke also, die dort unten in nur drei Stunden an einem vorbeizieht, sollen wir in 60 Stunden bezwungen haben?
Mal schnell und dann wieder unerträglich langsam. Auf dem heißen Asphalt der riesigen Tankstellenlandschaften. Im Niemandsland der Welt, dort wo prollige Lastkraftwagenfahrer in das gleiche lapprige Sandwich beißen müssen wie der arrogante Porschefahrer.

36 Stunden so weit wie möglich weg von München kommen. Das war die Aufgabe. Eine Zeit die normalerweise kaum reicht, ein Referat vorzubereiten oder einmal genügt die Welt per Satellit zu umrunden.
Einschränkung ist lediglich, es darf kein eigenes Geld ausgegeben werden. Zumindest nicht für den Transport. Geld vergrößert den Horizont. Zumindest in 36 Stunden. Per Auto schrumpft dieser plötzlich stark. Eine Stunde wird zur Unendlichkeit. Ein alter Peugeot zur letzten Hoffnung. Immer jedoch dominiert die Abhängigkeit. Kann sein, dass sich in den nächsten Stunden nur der Hunger ins unermessliche steigert oder aber sich Kiefern in Palmen wandeln. Nie ist sicher, was als nächsten kommt. In einer Welt in der wir alles beeinflussen können, alles schon vorher wissen, ist das eine sonderbare Erfahrung. Eine Welt in der wir fast jede Person schon kennen, seine Lieblingsfarbe, seine politische Einstellung, rückt plötzlich ganz weit weg. Jedes Gespräch mit jedem neuen Fahrer wird zur Fragestunde. Am Ende wird viel mehr erzählt als wir jemals einem Fremden erzählen würden.

Pläne kennt die Reise nicht. Immer dann, wenn versucht wird, so etwas wie Struktur in die Route zu bringen, kommt der nächste Zufall. Über Straßburg sollte es gehen, über Genf führte die Route. In Lyon sollte die Nacht verbracht werden, bis an eine einsame Mautstation vor Chambery reichte es.
Wird es aber ganz besonderes hart, dann folgt daraufhin wieder großes Glück. Nur nicht aufgeben. Schwer. Immer wieder, besonderes in der Nacht, schwindet die Zuversicht, Verzweiflung macht sich breit. Wenn das hundertste Auto vorbei fährt, ein müdes, entschuldigendes Lächeln aus dem Inneren an einem vorbei rast. Immer schaut es aus, als wären die Insassen froh keinen Platz mehr frei zu haben. Vielleicht aber nur Einbildung. An irgendetwas muss es ja liegen. Hinschmeißen geht nicht. Schließlich gibt es nur das Auto, das einen wieder wegbringen kann.
Am besten, die Leute direkt ansprechen. Schafft Vertrauen, überrumpelt, stellt die Fähigkeit zu Lügen auf die Probe. Die meisten sind dann doch ehrlich. Oder unfreundlich. Da ist man dann ganz froh, nicht mitfahren zu müssen.

Breakout München 2014 from Leo Simon on Vimeo.

Am Abend dann nach 60 Stunden, 24 länger als geplant, ist es dann endlich geschafft. Spanien und Portugal in einem durchquert. Wieder mal das Glück nach einer anstrengenden Nacht in San Sebastian. Die Füßen schmerzten, kein Hostel mehr frei, das Budget klein und das Spanisch zu schlecht. Taxifahrer sind gute Menschen. Die Jugendherberge etwas außerhalb, noch genau zwei Plätze frei.
Das Glück spricht Englisch, kommt aus Australien und sucht noch Mitfahrer für die lange Fahrt zu den berühmten portugiesischen Wellen.

Am Ende dann Erleichterung, nicht das Flugzeug genommen zu haben. Zumindest nicht für die Hinfahrt. Es war anstrengend und Kräfteraubend. Das ist aber nicht was bleibt. Was bleibt sind die Landschaften, die Menschen, die Gespräche, das Gefühl im diffusen, warmen Abendlicht die Vereinigung des Rio Tejo mit dem Atlantik zu überblicken. Es ist all das, was später in der sterilen, gekühlten Luft des Flugzeugs fehlt.