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Tod, Emotionen, Hass

In der Geschichte der Menschheit gibt es immer wieder die komische Angewohnheit, jedes Unrecht mit einem andern Unrecht zu vergleichen, gegeneinander zu stellen und bis in alle Ewigkeiten jede Kleinigkeit in die Waagschale zu werfen. Das Alt-testamentliche „Auge um Auge, Zahn um Zahn, Hand um Hand, Fuß um Fuß“ (2. Mose, 21, 24) ist nur eines der frühesten Beispiele.

Der selbe Reflex ist es nun auch, der den Konflikt im Nahen Osten weiter anfeuert und die Fronten erhärten lässt, wie schon lange nicht mehr. Immer neue Bilder und Geschichten von getöteten Menschen, am beliebtesten sind tote Kinder, weinenden Frauen und überfüllten Krankenhäusern, überfluten derzeit Facebook, Twitter und nicht zuletzt, mit einem Anschein der Objektivität, die großen Medienkanäle. Mehr braucht nicht gezeigt werden und der Schuldige ist schnell gefunden. Israel, oder besser noch: „der Judenstaat“, „die Zionisten“ oder gleich „die Juden“ töten unschuldige Kinder. Aus Sicht der Medien ist dieses Narrativ nur folgerichtig, nichts verkauft sich schließlich besser als große Emotionen, große Drama, sichtbares Leid. Dem können alle folgen, sich alle in die Lage der weinenden Mutter, des trauernden Vaters versetzen, den Tot eines Verwandten haben schließlich schon alle einmal erfahren müssen. Es braucht eigentlich nicht erwähnt werden, eine Selbstverständlichkeit, aber in einem Konflikt, in dem jede Silbe im Mund verdreht wird, ist es besser noch mal zu betonen: JedeR TotE ist eineR zu viel und eine große Tragödie.

Flagge

Ein Anhänger der Kleinpartei „Die Freiheit“

Jede dieser Geschichten verdrängt damit eine von der anderen Seite. Von der Seite, wo sich die Menschen ja offensichtlich keine Sorgen mehr zu machen brauchen, modernste Technik schützt. Dass die Einwohner Israels, dazu gehören neben Juden jeder politischen Richtung, ebenso Einwohner arabischer Abstammung jeder religiösen Richtung, unter dem seit Jahren andauernden Raketenbeschuss aus dem Lager der Hamas leiden, diese Menschen mit der realen Bedrohung einer iranischen Atomwaffe leben und in enger Nachbarschaft zu Staaten, die die Existenz Israels leugnen, liegen, lässt sich schlecht in aufregende Geschichten verpackend. Es gibt keine schockierende Bilder, die das Leiden dieser Personen beschreibt. Niemand weiß, wie es ist, damit zu leben, niemand kann sich in die Seele der Menschen einfühlen und damit bleibt diese Welt, diese Sicht, den meisten verschlossen.

Stier

Der Bock macht sich selbst zum Gärtner: Michael Stürzenberger, Chef der Kleinstpartei „Die Freiheit“ missbraucht die israelitische Gemeinschaft für seine Zwecke.

So kochen alte antisemitische Klischees an die Oberfläche, Straßen füllen sich mit Holocaust verleugnenden Parolen, sonderbare neue politische Allianzen entstehen. Linke laufen plötzlich mit bekennenden Nazis auf der gleichen Demo, rechte Parteien missbrauchen die Israelitische Gemeinde, um sich gegen den vermeintlichen gemeinsamen Feind, den Islam zu stellen. Dass es bei diesem Konflikt nicht um Religion geht, hat ihnen wohl vergessen jemand zu erzählen, nur mit einiger Mühe konnten zum Beispiel in München diese Personen ans Ende des Demozuges verwiesen werden. (Bericht über die Demo auf Schlamassel Muc)

Es ist an der Zeit, den wahrlich nicht einfachen Konflikt, nicht durch simple und schlanke Erklärungsmuster zu erklären und nicht jedeN ToteN gegeneinander auszuspielen. Denn wie scheibt Frank Schätzing im Spiegel: „Auge um Auge macht blind“ (DER SPIEGEL 28/2014)