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Reise an die Grenzen Europas
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Eine Reise beginnen, keine einfache Sachen. Urlaub beantragen, Versicherung prüfen, Lebensmittel im Kühlschrank verschenken. Informationen über die Reiseländer sammeln. Buchladen.
Wohin es geht? Balkan. In der Buchhandlung plötzlich Unsicherheit ob es das überhaupt gibt. „Westsahara“, „Östliches Mittelmeer: Kreuzfahrten“, „China: die Megametropolen“. So oder so ähnlich, die Titel.
„Kroatien“ und sonst? Serbien, Mazedonien, Montenegro? Nichts, es scheint nicht zu existieren. Sonderbar, wir kennen jeden Winkel zwischen München und Lissabon, aber eine Region die nicht weiter weg ist als Hamburg, nicht existent. Unbekanntes Land. Vom Vater noch die Geschichten aus dem Krieg im Kopf, Minen, Festnahme an der Grenze, dunkle Gestalten. Unsicherheit. Ist es besser darüber bescheid zu wissen? Oder ist es „authentischer“, wer denkt bei der Flucht schon an Reiseführer? Wird der überhaupt gebraucht? Das ist doch der Gegensatz, ein Land zu durchreisen, weil keine andere Möglichkeit besteht. Die Reise als Lebensretter, kein Vergnügen.

Wir dagegen im Auto unterwegs, immer in Verbindung, voll gepackt – wie viel Schuhe sollen wir mitnehmen? Ist es Urlaub? Was ist Urlaub? Sorgenfrei und unbeschwert, die Seele baumeln lassen, Weltflucht, abschalten.

Wir standen am Hauptbahnhof, als die Meldung kam, dass Ungarn Refugees nach mehreren Tage am Bahnhof wartend weiterziehen lässt. Erst ein Zug, dann immer mehr, und plötzlich stehen hunderte Münchner*innen hunderten Geflüchteten gegenüber, freudestrahlend in den letzten Sommer- Sonnenstrahlen. Gute Bilder. Willkommenskultur. Doch das Leben geht weiter und deutsch bleibt deutsch. Wenn zu viele kommen, dann fällt der Schlagbaum ganz schnell wieder. Leise und ohne großen Protest, es ist Oktoberfest Zeit, da sind andere Sachen schnell wichtiger.

Grenzkontrollen. In. Europa.

Wir sind es gewöhnt, in vier Stunden Italien – zu welchem Bundesland gehört Österreich? Die europäische Idee darf nicht sterben, aber sterben, das tun wir lieber alleine. Abgegrenzt. Kaum Züge erreichen mehr die Republik, aus dem Blickfeld aus dem Kopf. Lieber die Bevölkerung nicht zu sehr belasten mit dem Leid der Welt. Es ist ja auch bald Weihnachten, da muss der Umsatz stimmen. Doch statt über Einwanderungsgesetze und sichere Fluchtrouten nachzudenken, nur der Versuch, schnell wie möglich wieder abzuschieben. Es herrscht dort doch nicht überall Krieg?
Stattdessen Lager an den europäischen Grenzen, kalte Nächte, ewiges Warten. Es fahren keine Züge mehr. Und wenn sie nicht in München ankommen, dann muss München halt zu ihnen kommen, die Bilder wach halten, die Erde dreht sich weiter, dem Leid kein vergessen geben.

Das Auto voll, Windeln, Decken, Verbandszeug, die Stimmung gut, nur die Holzkirchner Autobahnraststätte unheimlich. Schnell noch alle Bekannten antelefonieren. Nochmal 200€ gespendet bekommen. Da wird der Stau doch gleich kürzer. Über die Grenze nach Österreich geht’s schnell, die erwartete Grenzkontrolle bleibt aus, auch sonst eine gute Fahrt, wenig Verkehr. Mitten in der Nacht dann Graz erreicht, etwas schlafen, Kraft sammeln für die nächsten Tage. Am morgen kurze Lagebesprechung, wo wollen wir hin, Kontaktpersonen vor Ort anrufen.

Dublin // 2015
Dublin // 2015