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Hier sind Grenzen noch echte Grenzen. Wir stehen am Grenzübergang Tovarnik, Blick Richtung Serbien. Zwischen zwei Barracken eine Kiste mit zwei jungen Hunden, kläglich jammernd. Mache die Grenzbeamten darauf aufmerksam. Wir werden sofort weggeschickt, von fünf grimmigen Beamten. Hier, wurde uns gesagt, würden neue Refugees ankommen. Jetzt stehen wir etwas hilfslos in einem Niemandsland an der Außengrenze der Europäischen Union. Kolonnen von Lastwagen.

Wir wurden hergeschickt, weil in den provisorischen Lagern in Opativac und in Bapska zum einen wenig los ist heute, zum anderen aber seit heute strengere Regeln gelten. Kein Durchkommen mehr ohne Volunteer-Ausweis. Presse ebenfalls streng verboten. Als ich fotografieren will, wieder böse Gesichter und harsche Worte. Es ist warm geworden, viele Volunteers nutzen die Pause, räumen auf, sortieren Klamotten oder liegen in der Sonne, die Tage bevor wir ankamen hat es nur geregnet. Das Leben als Volunteer ist weit weniger heroisch als viele vielleicht denken mögen, erklärt mir am Abend eine junge Münchnerin. Sie ist seit über zwei Wochen hier. Ohne Organisation, „Freelancerin“, wie sie sagt. Sie hat gute Verbindungen zur Polizei, hier mal ein Kaffe, da mal ein Schnaps am Abend. Es ist ein geben und nehmen. „Viele Polizisten sind selber hier in Lagern untergebracht, schlechtes Essen, die fehlende Familie, eine todlangweilige Arbeit.“ So müssen sich alle irgendwie mit der Situation arrangieren und dazu gehört eben auch: Müll aufräumen, sauber machen. „Viele der Refugees sehen wir nur ganz kurz, wir könne nicht mehr machen – und trotzdem: es ist verdammt wichtig.“ Immer wieder bekommt sie Nachricht von Menschen, die es geschafft haben, nach Deutschland, nach Schweden. Dann ist sie glücklich und hat das erreicht, was ihr wichtig ist. Sie ist so etwas wie der gute Geist, immer am Lachen, immer auf Tour. Erzählen kann sie stundenlang.

Ein verlorenes Passbild? Die  Frau in der Heimat? Wurde sie getötet?
Ein verlorenes Passbild? Die Frau in der Heimat? Wurde sie getötet?

Refugees haben wir hier keine gesehen, angeblich auf dem Friedhof dort drüben. Irgendwo in Serbien. Fahren zurück, wieder an dem Bahnhof. Dort waren wir schon am morgen, wenig los, ein paar Erinnerungen an Menschen, die hier vorbei gekommen sind. Viel Polizei. Lungern in ihren Mannschaftswagen rum. Etwas Rotes Kreuz, aus Zagreb kommen die. Der Bahnhof liegt am Stadtrand, neben dem Bauernhof mit den vielen Schafen.
Als wir ankommen, reger Betrieb. Routiniert. Mit Bussen werden die Flüchtlinge aus dem Lager in Opatovac hierhergebracht, dann geht es weiter mit dem Sonderzug nach Ungarn. Zehn Waggongs, je 100 Menschen. Familien, Frauen und Kinder zuerst, dahinter dann die Männer. Es riecht schrecklich, menschliche Ausscheidungen im Gleisbett, der Zug wird hier noch viele Stunden stehen, bis er voll ist.
Plötzlich wird es hektisch, mit Blaulicht kommen weitere Mannschaftswagen der Polizei an, spucken immer mehr Menschen aus. Das sind die, die an der serbischen Grenze aufgegriffen wurden. Sie müssen erst noch registriert werden, das verlangsamt den ganzen Prozess.

Bilder am Bahnhof suchen nach vermissten Familienangehörigen.
Bilder am Bahnhof suchen nach vermissten Familienangehörigen.

Im Zug kommt es zu Ärger, als die Menschen sich im Zug nicht mehr hinsetzen können, weil es so voll. Der Gang aufs WC dauert jetzt 5 Minuten erzählt ein irakischer Journalist. Wir tauschen Kontakt aus, die Menschen sind eh sehr neugierig, kommunikativ. Der Ärger ist schnell beigelegt, bestimmende Worte und dann ist wieder Ruhe auf dem Gleis.

Die Beamten hier lachen sonst sehr viel. Scherzen und sind auch sonst weitestgehend freundlich, helfen bei der Suche nach den richtigen Schuhen.

Am Abend ist die serbische Grenze dann wieder zu, Lastwagen stauen sich jetzt auch im Dorf und auf den umliegenden Landstraßen. Alltag hier im Grenzgebiet.