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Inmitten von Gleisen schwere Polizeikräfte, Refugees, den Stacheldraht und provisorische Absperrungen überqueren, immer wieder verzweifelte Gesichter. Wer die Nachrichten über ankommende Flüchtlinge schon früh verfolgt hat, kann sich noch gut an die erschreckenden Szenen an der Mazedonisch-Griechischen Grenze erinnern. Wie hat sich die Situation seitdem verändert?

Gevgelija ist ein ruhiges Dörfchen, knapp 25.000 Einwohner*innen, viele Casinos, Griechen kommen hier gerne zum Spielen her. Am Bahnhof stehen ein paar ältere Herren, einer sitzt im Bahngleis, Zeitung lesend, das Bahnhofsgeäude mit dem Charme des Verfalls. Nichts erinnert daran, dass hier noch vor wenigen Wochen tausende Refugees gewaltsam am weiterkommen gehindert wurden. Am Ende der Straße, über den Fluss innerhalb der Grünen Grenze, erfahren wir, liegt jetzt das neue Camp. Fußmarsch. Vor der Brücke geschäftiges Treiben, Bus- und Taxifahrer warten, wir begegnen den ersten Familien auf dem Weg zum nächsten Bus.

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Ein Weg hinein ins Niemandsland, mal wieder, steinig, staubig, schlecht zu gehen. Betreten nur noch mit Pass erlaubt, wir trennen uns, Presse hat hoffentlich mehr Rechte hier. Ein paar Wegbiegungen weiter, eröffnet sich vor uns das Camp, eingezäunt, ein paar UNHCR Zelte, ein ordentlicher Eindruck, immer wieder verlassen Refugees das Camp, Gruppenweise werden sie abgefertigt. Am Tor angelegt, die Belehrung, wir bräuchten eine Erlaubnis um das Camp zu betreten, Überraschung, das überhaupt möglich.

Ein paar Glückliche Zufälle weiter sitzen wir im Büro des Leiters des regionalen Krisenstabs. Bei Fachsimpelei über Sportwetten und vielen Erläuterungen zum Aufbau des Lagers, warten wir auf die Erlaubnis des Innenministeriums, das Camp betreten zu dürfen. Aufgegabelt hat uns Kemal und sein Kollege einer kleinen NGO aus Skopje. Er Bosnier, der andere Albaner, fahren sie jeden Tag seit mehr drei Monaten von der Hauptstadt an die Grenze – immerhin knapp zwei Stunden Fahrt -, noch keinen Tag haben sie verpasst. Das jetztige Lager ist relativ neu, davor mussten die ankommenden Refugees auf den Straßen rund um den Bahnhof ausharren, dann wurden es zu viele. Der Leiter des Krisenstabs zeigt uns die Bilder des Aufbaus, es gibt sogar eine ganze Reihe fest im Boden installierter Toiletten. Zwiegespalten: Einerseits tolles Engagement, eine unglaubliche Leistung, gerade von Kemal, auf der anderen Seite das übliche Bild: Refugees aus der Gesellschaft entfernen, marginalisieren, nur möglichst schnell weiter schieben. Eine Mitarbeiterin des Roten Kreuzes erzählt uns, dass alle 12 Stunden mehr als 3000 das Lager erreichen.

Nach fünf Mazedonischen Minuten (ca. 30 Minuten) – wir haben Glück und durch die richtigen Kontakte, müssen wir keine drei Tage auf die Erlaubnis warten – wieder auf ins Camp. Mittlerweile hat es zum Regnen angefangen. Es wird Kalt. Wir begegnen Familien ohne Regenschutz, dünen Kleidung.

Das Camp ist kleiner als es von außen schien. Eine größere freie Fläche an die sich eine Art Straße, rechts und links mit Zelte von Hilfsorganisationen gesäumt, anschließt. Das Ende der Straße bilden zwei riesige Zelte, dahinter der Zugang zu den Gleisen, gesichert durch ein paar Soldaten. Das Camp macht einen ordentlichen Eindruck, die Polizei ist quasi kaum zu sehen, es gibt ein Zelt für Familien, Toiletten für Frauen und Männer, ein paar festere Hütten zum Ausruhen. Allerdings scheint insgesamt viel zu wenig Platz zu sein, in den zwei großen Zelten ist die Luft stickig, dicht an dicht liegen hier die Menschen, nur auf Planen, darunter Steine, überall Müll, es ist laut, an Ausruhen ist hier sicherlich nicht zu denken.

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Immer wieder kommen neue Refugees in Gruppen in das Lager. Nur wenige haben richtigen Regenschutz, Familien zwängen sich unter Plastikplanen, in Flip-Flops oder dünnen Stoffschuhen. Zum Glück ist es nicht schlammig, das ganze Gelände ist mit Kies ausgelegt. Im Familienzelt unterhalten ein paar spanische Clowns die Kinder. Ein wenig Abwechslung im sonst dunkeln Leben.
Die Stimmung ist heute sehr gereizt, klagt ein Mitarbeiter des Roten Kreuzes. Gerade war Essensausgabe, es erinnert mehr an Raubtierfütterung. Zwei Schubkarren mit Essenspakete sollten ordentlich an in einem der Zelte verteilt werden. Stattdessen Chaos. Die wartende Menge lässt sich nicht aufhalten, stürmt auf die Schubkarren zu, alle schmeißen sich auf die Pakete, es gilt das Recht des Stärkeren, einem kleinen Mädchen wird das mühsam ergatterte Paket wieder aus den Händen gerissen. Die Umstehenden Menschen betrachten die Szene mit einem Lächeln. Es sind alltäglich Szenen im Leben des Flüchtlings, raun mir später einer zu. Menschen, die angeschossen wurden oder dem sinkenden Gummiboot entkommen sind, mögen solche Szenen wie Nebensächlichkeiten vorkommen.

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Nachdem ein paar Minuten Ruhe eingekehrt ist, ist plötzlich das ganze Lager auf den Beinen, schnell werden alle Familienmitglieder zusammengerufen, die letzten Habseligkeiten zusammengerafft. Der erwartete Zug ist eingetroffen, auch hier wieder, wer am schnellsten ist, hat die besten Chancen. Ein kleiner Durchgang nur führt auf die Gleise, Nur ein dünner Zaun, ein paar wenige Soldaten, die die Menschen in nach und nach durchlassen will. Wieder Chaos, es wird unsanft, und von allen Seiten geschoben, geschubst, getreten. Das Problem: im Zug muss noch die Fahrkarte gelöst werden. Die Mazedonische Regierung schlägt ebenso wie die Serbische Profit aus den Flüchtlingen. Eine Willkommene Nebeneinnahme.

Das interessante hier im Camp ist, dass einige der Flüchtlinge selber die Initiative ergreifen und die in den Zug wollenden Menschen in Gruppen aufteilen. Sie schaffen es, die Menge etwas zu beruhigen, jetzt warten alle im strömenden Regen geduldig bis sie den Zug betreten dürfen. Es wird dunkel und es ist kalt.

Auf dem Rückweg im Scheinwerferlicht immer wieder Menschen, die sich auf den Weg gemacht haben, selbstständig den Bus zu suchen. Uns beschleicht ein beklemmendes Gefühl. An der Griecheischen Grenze werden wir durchgewunken, weil wir Deutsche sind.

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